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Sprecherin der Bürgerinitiative:

Gisela Lohße-Trommsdorff

Ortwisch 54
28307 Bremen

Tel.: home0421.487449
EMail:

Kontaktdaten bei bremen.online

Weihnachtsvesper 2000 in Arbergen

Eingangsgebet

Du guter Gott, wir bitten um deinen Frieden. Nicht um den Frieden der einfachen Worte, der nichts von uns fordert, sondern um den Frieden Jesu, wo wir das Leiden des Anderen in Liebe mittragen und zu dir finden. Mögen Frieden und Gerechtigkeit ihren Weg aus Feindschaft und Furcht finden. Führe Du uns heraus aus dem Dunkel, daß wir dein Licht erahnen. Wir beten für diese unfriedliche Welt und uns unfriedliche Menschen: Gib uns deinen Frieden. Amen

Predigt

Vor noch gar nicht so langer Zeit, so erzählt im Jahr 1920 der Bremer Pastor Emil Felden zu St. Martini, war das Christkind höchstpersönlich einmal durch unsere Stadt Bremen gewandelt. Kommt es, das Christkind, also auch an den Alten Wall und sieht daselbst ungeachtet des schönen Wetters einen alten Mann auf der Bank sitzen und weinen, mit einem ollen Zigarrenstumpen im Mund.

Fragt das Christkind tröstlich, wie von ihm nicht anders zu erwarten: "Na, was weinst du denn, mein lieber Heini Holtenbeen", (den es natürlich sofort erkannt hat), "ist dir nicht zu helfen?" "Mich kann kien Mensche nich helpen!" sagt Heini Holtenbeen und hört nicht auf zu weinen.

"Ich bin aber das Christkind", sagt das Christkind.

"Das kann`n dja schon aus dein Hochdeutsch kann`n das dja schon raushörn", sagt Heini Holtenbeen. "Aber nee, wenn du ok hunnertmal dat Christkind büst, helpen kannst du mi ok nich. Tsüh, dor unner us liggt dat rieke, rieke Bremen mit all sienen hellen und grootmächtigen Straaten, Obernstraaten, Sögestraaten, Bahnhoffstraaten, und mit sienen grootmächtigen Handel und all sien grootmächtigen Kooplüe un Senaters, schick, schick un nix as Brasil in de Snuut. Un ik - ick bün man blots in`t Snoor, as`n armen Jan Arbeitsmann bün ick da man to wahnen kamen. Un Füer hebb ik ok nich."

Einige wollen gesehen haben, wie das Christkind Heini Holtenbeen Feuer gab für seinen ollen Stumpen, und wie sie miteinander sprachen, und Heini Holtenbeens Weinen soll einem glücklichen Grienen gewichen sein. Ich frage mich jetzt: Wünscht Ihr euch vielleicht auch so ein Christkind an eurer Seite? Sitzen vielleicht auch einige von euch hier auf der Bank wie Heini Holtenbeen vor hundert Jahren?

Bei einigen ahne ich die Antwort.

Einige suchen Geselligkeit, ein paar besinnliche Minuten. Einige wollen Entspannung in gelöster Atmosphäre, um fröhlich und glücklich zu sein. Eine möchten die Zeit bis zur Bescherung überbrücken. Einige wünschen sich eine feierliche, anrührende Stimmung. Und einige hoffen voller Angst auf ein einigermaßen friedliches Zuhause nach dem Gottesdienst. Wie sieht es bei euch zuhause aus? Herrscht freudige Spannung, lebt ihr in Harmonie? Stimmt die große Linie? Wartet zuhause überhaupt jemand auf dich? Oder kommst du nachher in eine leere Wohnung, allein mit dir und deinen Gefühlen?

Was für ein Verhältnis hast du zu deinem Vater und deiner Mutter? Leben sie noch? Sind sie alt oder krank? Sind sie, weise, freundliche Menschen? Oder sind sie schwierig, tyrannisch und machen dir das Leben schwer? Redest du mehr über sie als mit ihnen?

Und umgekehrt: Wie ist dein Verhältnis zu deinem Sohn und deiner Tochter? Du wirst dich in diesen Tagen nicht belügen können. Sind sie noch Kinder, sind sie Jugendliche, sind es reife Menschen? Wie behandelst du deine Kinder, und wie gehen sie mit dir um? Denken sie herzlich und mit Achtung an Dich? Hast du Verständnis für ihre Sorgen? Oder hast du sie aufgegeben? Sind sie vielleicht undankbar und taktlos zu dir? Lassen dich links liegen, und Nachbarn sind freundlicher zu dir als der eigene Sohn, die eigene Tochter?

Tyrannen gibt es in jeder Familie. Es sind Menschen, die das Leben und die Welt einzig in Bezug auf sich selbst betrachten. Ihre Herzen bleiben unempfänglich für die Regungen anderer. Sie verletzen andere und merken gar nicht, was sie anrichten. Weil sie selbst nie etwas auszustehen hatten. Oder viel zu viel, und dabei sind sie kalt und hart geworden.

Ich kenne genug Jugendliche, die tyrannisieren diese Tage ihre Eltern. Für Ältere ist es dann schwer, wenn die Jungen manchmal überhaupt nicht zu schätzen wissen, was sie so mühsam aufgebaut haben.

Ich kenne genug Alte, die tyrannisieren in diesen Tagen ihre Kinder. Für Jüngere ist es dann unbegreiflich, warum die Eltern so stur an ihren Errungenschaften und Einstellungen festhalten.

Jede Generation hat ihre eigenen Erfahrungen, ihre eigenen Schwierigkeiten und auch ihre eigenen Vorlieben und Vorurteile. Am Unverstelltesten merke ich das in den Weihnachtsfeiertagen. Jede Generation hat ein Recht auf ihre eigene Welt. Aber wir müssen beieinander bleiben und uns gegenseitig von unseren Welten mitteilen. Gerade an Weihnachten. Sonst dreht sich bald jeder nur noch um sich selbst. Aber das gegenseitige Mitteilen der Generationen ist nicht einfach. Weil sich dann jeder auch mit sich selbst auseinandersetzen muß.

Einige haben deswegen schon seit einigen Wochen angefangen, sich abzulenken. Sie kaufen viel zuviel, weil sie manchmal mehr auf dem Konto als im Herzen haben.

Ich habe mir das oft mitangesehen. Du kaufst schöne Möbel und flaumweiche Teppiche. Du kaufst die neueste Fernseh - und Computeranlage, die neueste Stereoanlage, das neueste Handy, die neueste CD. Du legst dir sanfte, indirekte Beleuchtung zu. Du richtest dir eine Sitzgruppe zum Essen ein und eine eigene Hausbar, alles sehr gemütlich und modern. (Werbe-Prospekte von Kanzel werfen) Menschen träumen vom Paradies. Damit sie weiterträumen, wird an Plakatwänden, in Leuchtbuchstaben und durch alle Briefkästen das Paradies zum Kauf angeboten, in Geschenkausstattung und mit Goldverpackung. Mit der Möglichkeit, sich maßlos zu verschulden. Leben auf Pump.

Ganz leise fragte ich mich dann manchmal in der letzten Zeit, wenn ich so durch die Straßen und Geschäfte ging und in die entsprechenden Häuser kam:

Armes Wohlstandskind, warum siehst du nicht glücklicher aus? Warum lachst du seit Wochen so wenig, warum bist du so schnell gereizt und mit den Nerven fertig? Warum läßt dich der ganze Wohlstand am Ende so leer und unausgefüllt? Warum bist du so traurig oder wütend und fauchst die Menschen an, die dir am Nächsten stehen?

Ich habe nun in Arbergen und umzu jahrelang unglücklichen Menschen zugehört, alten und jungen, Gebrochenen und Verstoßenen, Entwurzelten und unter die Räder Gekommenen, Kranken und Einsamen.

Heute morgen war ich bei einem alten Ehepaar. Über 60 Jahre sind beide verheiratet, haben harte Zeiten mit ihren Kindern erlebt, doch immer wieder alle satt bekommen. Noch nie haben die Alten Urlaub gehabt. Vor einem halben Jahr mußten sie aus der vertrauten Umgebung ausziehen, die Mietwohnung wurde in eine Eigentumswohnung verwandelt mit nun viel höherer Miete.

Und dieses alte Ehepaar, das sein Leben lang gearbeitet und Opfer gebracht hat, hat für den Übergang sein gesamtes Erspartes aufgebraucht. Und jetzt sitzen sie Weihnachten in einer winzigen Wohnung im Hochhausblock, anonym und auf sich gestellt. Die alte Frau ist pflegebedürftig, aber wenigstens ihr Mann und ihre Tochter kümmern sich sehr selbstlos um sie. Wenn Raum im Herzen ist, ist auch Raum in der Wohnung.

Ich habe auch Menschen zugehört, die alles hatten, was sie sich wünschten, Alte und Junge, die sich kaufen konnten, wovon sie träumten, aber von denen viele todunglücklich und einsam irgendwann sagten: "Das alles gibt mir nichts mehr. Ich habs satt. Was soll ich damit?" Und ich habe Alten und Jungen zugehört, die nie viele große Worte machten, sondern kleine freundliche Gesten. In der Familie, zum Nachbarn, zu Passanten. Ohne jede Berechnung. Unscheinbare Menschen, die mit sich und ihrem Leben glücklich und zufrieden waren. Die verzichten konnten, die gerne gaben. Solchen Menschen zu begegnen, ist ein Fest.

Zuletzt vor ein paar Tagen. Ein kleines Mädchen aus unserem Kindergarten erfuhr von unseren Gemeindekrankenschwestern, daß es alte Menschen gibt, um die sich niemand kümmert und die ganz allein sind. Sie konnte das überhaupt nicht fassen. Einen ganzen Nachmittag hat sie sich damit beschäftigt und dann eine kleine Krippe zusätzlich gebastelt, für so einen alten Mann und so eine alte Frau. Damit das Christkind auch zu ihnen kommt.

Seit sieben Jahren in Arbergen und umzu bin ich in viele Häuser gekommen, habe viele Kinder aus der Taufe gehoben, viele Jugendliche konfirmiert, viele Paare getraut, und viele Menschen beerdigt. Alte und Junge. Ich habe viel Freude und viel Leiden erlebt und begleitet. Und ich habe in allen Begegnungen das bestätigt gefunden, was mir schon meine Eltern beigebracht haben und wofür ich ihnen mein Leben lang dankbar sein werde:

Ein Mensch, Du und ich, stirbt, wenn er tausend Dinge und nicht einen Menschen hat.

1. Musik

Der verrückte Fortschritt führt zur Auflösung der natürlichen Lebensgemeinschaften. Ehe und Familie werden demontiert, bis oft nichts mehr übrigbliebt als zwei Menschen, die arbeiten gehen, im Selbstbedienungsladen essen und die Kinder, wenn sie klein sind, im Tagesheim unterbringen müssen. Werden die Kinder größer, sitzen sie oft stundenlang allein in elternlosen Wohnungen und werden manchmal zwischen getrennten Eltern hin- und hergeschoben. Sie finden nirgendwo Geborgenheit, sie werden heimatlos, verstört in der Tiefe ihrer Seele. Und die größeren Kinder werden nicht reif, weil sie nie an Väterlichkeit und Mütterlichkeit satt geworden sind. Zu Weihnachten meldet sich dann das schlechte Gewissen der Eltern, und die Geschenke werden maßlos übertrieben.

Die Alten kommen vor der Zeit ins Heim, weil keine Zeit und kein Platz mehr da sind. Sie werden als Problemfälle behandelt und nicht mehr ernstgenommen.

Alte und Junge, Männer und Frauen erklären sich gegenseitig manchmal sogar zu Feinden. Menschen können oft nicht mehr als Mann und Frau und als Vater und Mutter und Sohn und Tochter friedlich unter einem Dach zusammensein. Menschen sitzen hinter Glas und Beton, unter einer Isolierglocke, jeder in seiner abgeschirmten Welt. Der spontane Kontakt geht ein. Menschen sind zu Nummern auf dem Rücken von Aktenordnern gemacht, zu Codes auf Magnetspeichern, zu Schildern am Klingelknopf. Menschen fühlen sich immer weniger füreinander verantwortlich.

Es ist ein Jammer, daß so viele Menschen ohne ein echtes Zuhause leben. Das gemeinsame Leben in einer Familie ist weithin einem neuen Lebensstil zum Opfer gefallen. Durch die technischen Errungenschaften, den allgemeinen Wohlstand und den verbreiteten Luxus sind neue Gewohnheiten entstanden.

Man hat ein oder zwei Autos vor der Tür und hält es in der Familie nicht mehr aus. Man hat einen tollen Fernseher und hängt den ganzen Tag vor der Glotze. Man hat Internet und spricht immer weniger miteinander. Es gibt Computer, aber Menschen begegnen sich Auge in Auge immer weniger. Man kann auswärts billig essen und setzt sich nicht mehr zu Hause an den gemeinsamen Tisch.

Ich frage jetzt: Lebst du noch, lieber Bruder, liebe Schwester? Oder wirst du gelebt, gelenkt, gedreht, gewendet wie auf einem Fließband? Kein Wunder, wenn dabei Zufriedenheit, Gesundheit, Lebensfreude und Glück auf der Strecke bleiben.

Warum geschehen diese unmenschlichen Dinge in einer reichen Gesellschaft wie unserer?

Zu viele Menschen haben den Kontakt verloren mit der Natur, mit ihrer eigenen Natur, mit ihren eigenen Rhythmen, mit ihrer eigenen inneren Tiefe. Dem Sterben und Auferstehen, dem Tag und der Nacht in sich selbst. Sie wissen nichts mehr von der geheimnisvollen Verbindung allen Lebens miteinander. Ein wunderbares Gewebe. Tausende von feinen lebendigen Fäden verbinden Menschen mit Menschen und mit der ganzen Natur, mit den Wolken am Himmel, mit dem Wasser im Fluß, mit den Vögeln in der Luft, mit den Tieren am Land bis hin zu Millionen Lebewesen über und unter der Erde.

Aber die modernen Lebenbedingungen, die Wohn- und Arbeitsverhältnisse beschleunigen die Entbindung von den natürlichen Lebensgemeinschaften, und die Menschen fühlen sich fremd, einsam und haben Angst. Ein Mensch heute wird von klein auf durchprogrammiert wie ein Computer von der Wiege bis zum Grab.

Aber wo man die natürlichen Lebensgrundlagen antastet, wird der Mensch selbst angetastet. Und er wird an Leib und Seele krank. Dann nützt dir dein Geld überhaupt nichts mehr. Und der Staat mit seinen Strukturen kann nicht helfen. Denn der Staat kann nicht in den Arm nehmen, und Strukturen können nicht streicheln. Und ein Sozialprogramm kann dich nicht besuchen und zuhören. Das können nur Menschen. Du und ich. Sicher, mit Geld kannst du dir ein schönes Haus kaufen, aber keine Wärme und Geselligkeit.

Mit Geld kannst du dir ein weiches Bett kaufen, aber keinen Schlaf. Mit Geld kannst du Beziehungen kaufen, aber keine Freundschaft und keinen Vater und keine Mutter und keinen Sohn und keine Tochter.

Mit Geld kannst du dir ein Handy kaufen, aber kein echtes Gespräch mit einem anderen Menschen.

Mit Geld kannst du dir Versorgung und Medizin kaufen, aber keinen inneren Frieden.

Mit Geld kannst du dir sogar ein Stück Marschland kaufen, aber nicht die Sonne, den Wind, den Schnee und den Regenbogen.

Mit Geld öffnet sich jede Tür, nur nicht die Tür zum Herzen.

Unsere Politiker sind dagegen machtlos, weil sie selbst nicht anders leben. Öffentlich anerkannt ist nicht der kleine, bescheidene Mensch.

Öffentlich anerkannt werden Titel, Diplome, Leistung, Ehrgeiz. Bunt und laut. Öffentlich verlangt wird der technische, der wissenschaftliche Mensch. Möglichst immun gegen leise Töne, gegen menschliche Gefühle, gegen das Herz. Und wer die politische Macht besitzt, handelt oftmals selbst wie ein Computer, als ob die Güter dieser Erde nur aus Zahlen bestünden und sein Privateigentum wären. Um es klar zu sagen: Kein vernünftiger Mensch verkennt den Wert von Technik und Wohlstand, von Elektronik und Organisation und den Wert von Geld. Das alles ist gut. Die Uhr muß nicht zurückgestellt werden.

Aber zuviele Menschen sind nicht mehr frei, sie sind Gefangene im selbstgeschaffenen Gewirr und Netz von Programmen und Strukturen.

Menschen werden nun selbst programmiert, zum Luxussklaven degradiert in einer Welt voller fortschrittlicher Wunder. Das Maß des natürlich Menschlichen ist verlorengegangen.

Wenn ich die großen Tenöre der Politik und Wirtschaft höre, wenn ich alle Jahre wieder das Feilschen um mehr Lohn sehe und erlebe, wie danach Steuern und Preise höher werden, kann ich nur fragen:

Warum? Bringt das einem einzigen Menschen bei, was es heißt, wie eine Mark verdient wird und eine Mark ausgegeben wird?

Warum mehr verdienen, mehr Geld, mehr Gewinn, mehr kaufen, mehr verbrauchen? Warum und wozu und für wen? Bin ich nur ein Idiot, wenn ich frage, welche unsichtbaren Mächte hier am Werk sind? Sind es die düsteren Mächte menschlicher Habsucht und Gier, oder tragen sie andere Namen? Habsucht und Gier und ihre Folgen bei den Menschen zu erleben, ist jedenfalls mein täglich Brot.

Wenige sagen öffentlich: "Ich bin zufrieden und habe genug. Ich habe zwei Augen, kostbar wie Diamanten, einen Mund, um zu pfeifen, und eine Gesundheit, die unbezahlbar ist. Ich habe genug. Ich habe eine Sonne am Himmel, ein Dach über dem Kopf, ich habe zu tun, ich habe genug zu essen, und ich habe Menschen, um sie zu lieben. Ich habe genug."

Das Pfarramt und der Kirchenvorstand Arbergen haben einstimmig beschlossen: Wir haben genug. Wir werden keinen Quadratmeter Kirchenland an die Bremer Rennbahn-GmbH verkaufen.

Erinnern wir uns: die Stadt Bremen hat über die Bremer Investitionsgesellschaft in der Marsch Land aufgekauft, um hier eine abgeriegelte Trainingsbahn für Elitepferde zu bauen. Dazu wurde das Landschaftsschutzgebiet vor unserer Haustür mit einem Federstrich - an der Öffentlichkeit vorbei - aufgehoben. Als ob die verantwortlichen Politiker und Geschäftsleute besinnungslos Bremen mit aller Gewalt zum Affen Hamburgs machen wollen. Wat de Minschen nich alls for Geld maken dot, sä Heini Holtenbeen, do segh he de Apen danzen.

Wissen solche neureichen Börsenyuppies eigentlich aus eigener Erfahrung, welchen Gefahren eine Kindheit heute ausgesetzt ist? Und es betrübt nicht nur mich, wenn ein abgehalfterter Staatsrat mit seinen Wahnsinnsideen auf Kosten unserer Kinder und ihrer Zukunft sich eine exklusive Spielwiese leisten will, während ein kleines Arberger Mädchen sich mit ihrem großen Herzen um alte verarmte Menschen sorgt.

Eine verrückte Welt. Normalerweise lernen Kinder von den Erwachsenen, worauf es im Leben ankommt. Ich glaube, wir müssen von einem Kind lernen, was wirklich wichtig ist.

2. Musik

Wir sind deshalb im Pfarramt und im Vorstand unserem Gewissen mit der Vernunft des Herzens gefolgt und sagen als Protestanten: Bitte keine Marschzerstörung bei uns. Dieses Weihnachtsgeschenk können wir wirklich nicht annehmen. Eigentum, auch unser kirchliches, ist dem Allgemeinwohl und der Zukunft unserer Kinder verpflichtet. So steht es schon im Grundgesetz. Das kirchliche Marschland steht nicht zum Ausverkauf für Luxusbetriebe mit noch mehr Straßen und noch mehr Verkehr. Die Privateigentümer müssen selbst entscheiden, was sie machen. Wir haben Verständnis für andere Beweggründe als unsere. Aber als Kirche habe wir einen öffentlichen Auftrag.

Nun wird die Bremer Rennbahn-GmbH sicher nach Mahndorf ausweichen, wahrscheinlich hinter die Autobahn, wo zumindest die Kirche kein Land mehr hat. Jetzt hängt es von allen Anwohnern ab, ob sie eine vollständig abgeriegelte Trainingsbahn mit großen Straßen hinnehmen wollen oder nicht. Ob sie ihr Naherholungsgebiet verlieren wollen oder nicht. Ob Arbergen und Mahndorf mit der Marsch auch das Gesicht verlieren sollen oder nicht.

Das Pfarramt und der Arberger Kirchenvorstand werden sich jedenfalls allen Versuchen, die Marsch zum Nachteil der Menschen und der Natur zu zerstören, widersetzen. Und wir werden nicht mit verschränkten Armen stillsitzen und zusehen. Weil es zum großen Schaden der hier lebenden Menschen und der hier über Jahrhunderte gewachsenen Natur und bäuerlichen Kulturlandschaft wäre. Und wir werden euch zu gegebener Zeit um Hilfe bitten.

Mit ein paar Kerzen in der Kirche begann auch der Widerstand gegen die DDR-Diktatur, und nachher waren die Straßen von Menschen voll, sie hatten genug, die Mauer fiel, und alles ohne Gewalt. Wir können viel bewegen, wenn der Funke bei uns überspringt.

Als ich klein war, konnten wir noch in den Feldern herumbutschern und uns draußen austoben. Wir hatten noch keine Computerspiele, wir hatten Spielregeln bei Auseinandersetzungen, wir Kinder hatten keine vollen Terminkalender, wir hatten Zeit und Möglichkeit zum Spielen draußen. Wir konnten eine Eiche von einer Buche und eine Kuh von einem Schwein unterscheiden, ohne den Lehrer oder Pastor fragen zu müssen. Was wird aus unseren Kindern heute, leve Kooplüe un Senaters? Weet ji egentlich, wo de Kinner hüde, vandaug grootworden?

Früher konnte ich noch sagen: Süd, Noord, Oost, West, Bremen best. Man hüde, vandaug? Mit Heini Holtenbeen segge immer mehr Bremers: Un wenn de Welt to Grunne geiht, denn gah ik nah Hannober, dar heff ick Verwandte.

Nicht nur wir Pastoren und Kirchenvorsteher sind in diesen Tagen erfüllt von der Sorge um die Zukunft Arbergens. In ganz Bremen gibt es eine Menge Arberger. Der Stadtteil Arbergen hat seinen Beitrag zur Sanierung Bremens über Gebühr geleistet. Der Bremer Osten liegt auf Platz zwei, was den Verkauf von Land zur Ankurbelung der Wirtschaft in Bremen in den letzten zehn Jahren angeht. 73 verkaufte Hektar von insgesamt 175 für ganz Bremen. Fast die Hälfte, die unser Osten für ganz Bremen geleistet hat. Das ist genug.

Manche spekulierten auch darauf, unsere Kirchengemeinde sei ein Selbstbedienungsladen mit Scheuklappen, die Kirche brauche ja Geld um jeden Preis, und der Pastor würde den Steigbügelhalter für die Marschzerstörung abgeben und ihnen als Kirchenmann ein kleines harmloses Christkind aufs Knie setzen, und dann spielen sie mit ihm ein bißchen Hoppereiter und dann setzen sie es mir wieder auf den Arm und ich kann sehen, wo ich mit ihm bleibe bis zum nächsten Jahr.

Und wenn ich dem Christkind dann in den Weihnachtstagen und danach zeige, was wirklich los ist in den Familien, in der Wirtschaft, in der Politik, bis es sich erbricht, dann werden sie böse und sagen, ich hätte ihm die Politik nicht zeigen dürfen und die Kirche dürfte den Politikern nicht in die Parade fahren, ich hätte das Christkind mit Politik verdorben, dafür wäre das Christkind nicht alt genug, das sollte ich doch lieber denen überlassen, die das sowieso mehr schlecht als recht machen und sich das auch fürstlich bezahlen lassen, und dann wollen sie es wieder aufs Knie haben und Hoppereiter machen und wundern sich, wenn es nicht mehr will, sondern lieber mit Schmuddelkindern spielt. Dann sagen sie, es macht sich ja schmutzig, das Christkind soll sauber bleiben, und wenn sie es nicht einfangen, dann tun sie so, als wenn es ihnen immer noch auf dem Knie säße, und machen Hoppereiter, aber es demonstriert inzwischen mit Schülern und Studenten gegen Rechtsextremismus und hört nicht, wenn sie es rufen und ihm sagen, es könnte sich erkälten und durch sein Demonstrieren verdorben werden. Und dann finden sie das Christkind irgendwo hier zwischen den Hochhaus-Blocks oder im Hausflur wieder, verdreckt, sitzend auf nacktem Beton, mit schmierigen langen Haaren, sie erkennen ihr liebes Christkind nicht wieder und sagen zu ihm: wie konnte das passieren, erst mal waschen und Friseur, und wir haben dich mit Schmerzen gesucht, damit du uns tröstest und erbaust und so, und du sollst doch nicht mit den Junkies und Alkis, die sind dreckig und stinken und mit den Ausländern, die färben ab und stechen sofort und mit den Schülern, die sind dumm und faul und bringen dir schmutzige Witze bei und Schummeln und Schülerliebe - komm weg, aber schnell, das ist nichts für dich, liebes Christkind, ab in die Krippe, wir kaufen dir auch was Schönes, sagen sie.

Und dann guckt das Christkind sie an mit seinen großen Augen und sagt: Wußtet ihr nicht, daß ich in der Welt sein muß, die mir gehört? - Menschen kommen nicht auf die Welt, um sich gegenseitig zu erniedrigen und zu vernichten. Wir, du und ich, sind nicht geboren, um in unserem Kopf nur Tatsachen und Zahlen zu ordnen. Wir sind mit einem Herzen auf die Welt gekommen, das es zu füllen gilt, mit Sehnsüchten, Bedürfnissen und Leidenschaften, die befriedigt sein wollen, ohne ihr Sklave zu werden. Wir sind selbst ein Stück Natur, Du und ich. Sorge du mit dafür, daß ins große Räderwerk endlich ein Herz eingepflanzt wird. Das kann jeder, das kannst du, das kann ich: sein Herz in diese kranke Gesellschaft hineinstecken.

Denn um Weihnachten glücklich zu sein, brauchst du keine Weihnachtsgans, kein überreiches Essen und Trinken. Kein lange vorbestelltes teures Festmenü im Restaurant, um hinterher vielleicht Bauchschmerzen oder Gallenkoliken Herzinfarkt zu bekommen.

Licht, Frieden, Freude hängen nicht wie Kugeln und Kekse am Christbaum.

Sie kommen nicht über dich mit etwas sentimentaler Musik. Weihnachtsmärkte und Wunschträume in Geschenkverpackung können kein einziges leeres Herz zum Fest mit Glück erfüllen.

Um in diesen Weihnachtstagen glücklich zu sein, brauchst du zuerst Licht und Wärme in dir selbst. Du mußt dafür offen werden wie ein Kind. Wie das kleine Mädchen mit seiner Krippe für die Alten.

Du brauchst Licht im Herzen, um den Sinn deines Lebens zu erkennen, und die Wärme anderer Menschen, die dich gern haben. Dann kannst du auch deinen Braten genießen und dich am Tannenbaum freuen.

In Armut und Kälte und in tiefer Verlassenheit ist einer vor 2000 Jahren in die Welt zu uns Menschen gekommen, der mit seinem ganzen Leben Licht und Wärme sein wollte. Jesus von Nazareth. An einem Kreuz hat er die Welt wieder verlassen. Er hat mehr für die Bewohnbarkeit unserer Erde und das Wohlergehen des Menschen getan als alle Politiker zusammen.

Wenn du offen wirst für das Geheimnis dieses Menschen, offen wie die Krippe, wirst du Licht empfangen und Wärme spüren.

Vielleicht fühlst du jetzt noch nichts von alledem, vielleicht hängst du noch an viel zu vielen materiellen Dingen und Sorgen. Jede Stelle, wo du noch angebunden bist, wirkt dann wie ein Kurzschluß in der Lichterkette. Deswegen mußt du offener werden für das Geheimnis, ein Kind zu sein, um ein Mensch zu werden.

Das ist aber auch alles, was von dir verlangt wird in diesen Weihnachtstagen: Offen sein für das Kind in dir. Denn Gott wohnt im Herzen eines kleinen Kindes. Amen

Pastor: Fürbittengebet

Ich glaube an dich, Gott, und an die einfachen Menschen. Menschen, die leben und lachen und weinen. Sie haben keinen Namen, der in der Zeitung steht. Sie haben genügend Herz und Verstand, um den Unsinn, der sich täglich über sie ergießt, nicht für das schönere Leben zu halten. Aber sie werden sich wehren, wenn einer sie aus ihren Wurzen reißen will. Ich glaube an diese Menschen. Sie arbeiten für eine Welt, wo Menschen täglich Liebe und Leiden teilen. Sie tun tausend Dinge, um das Leben wieder lebenswert zu machen, und pfeifen auf Goldene Worte. Sie gehen weiter, auch wenn man sie auslacht. Sie stecken Schläge und Tritte ein, ohne zurückzuschlagen. Sie arbeiten mit in Aktionen für ein besseres Lebensmilieu, in Bürgerinitiativen für die Vermenschlichung des Menschen, für den Eigenwert der Natur, im Turnverein, in der demokratischen Partei, in der Kirche und woanders. Gläubige und Nichtgläubige. Sie nehmen die Verantwortung auf sich, sie resignieren niemals. Sie wissen, daß die Saatzeit niemals mit der Ernte zusammenfällt.

Für eine Welt, wo alles auf das Maß des Menschlichen zurückgeführt wird. Wo Herzlichkeit das Haus erfüllt und Menschen Wärme finden. Wo man auf den Straßen lacht und Kinder spielen läßt. Wo Gesunde und Kranke, Kräftige und Gebrechliche, Junge und Alte einander ein Zuhause und Geborgenheit geben. Ein Land, wo Reiche ihren Reichtum vernachlässigen, um ihr Herz wiederzufinden. Wo menschliche Interessen vorgehen vor politischen und finanziellen Interessen, wo Platz ist für das Lied der Natur, für Feiern und Spaß. Wo Menschen glücklich sein können über ein Glück, das gratis ist.

Menschen, von denen ohne viel Aufhebens ein Strom der Liebe in unsere Welt ausgeht. Sie sind Sterne in unserer Nacht. Sie sind Träumer.

Träume befreien uns. Werden Menschen reich, dann kämpfen sie gegeneinander. Haben Menschen einen Traum, dann arbeiten sie miteinander.

Der Geist dieser Träumer erzeugt Brüder und Schwestern; der Geist der Habsucht und Intoleranz erzeugt Ungeheuer.

Es kommen neue Menschen, die sich füreinander verantwortlich fühlen. Sie machen keine Revolution, sie sind die Revolution.

Ich sehe diese Menschen am Horizont, Menschen aus allen Klassen und Schichten. Sie stehen auf. Viele Junge. Sie haben verstanden. Mit dem Licht ihres Herzens werden sie andere erleuchten. Mit der Kraft ihres Wortes und ihres Lebens werden sie Menschen verteidigen gegen die Mächte der Zerstörung, gegen andere maßlose Menschen. Sie haben sich befreien lassen von Habsucht und Haß, von Gewehrläufen und Gewalt. Sie sind mit weniger zufrieden und haben Zeit für Dinge, die kein Geld bringen. Sie brauchen keinen Palast, um prächtig zu leben, und kein dickes Portemonnaie, um gemeinsam Feste zu feiern. Herzliche Menschen mit viel Licht in Häusern, in Dörfern und Städten. In einem Land mit menschlichem Gesicht. Amen


Internet Umsetzung:
Dipl.-Inform. Kai Hofmann, [hofmann@hofmann-int.de] - Bremen, 2007-12-02